Klezmer

Hier ein Beitrag zum Begriff "Klezmer", der meiner Dissertation entnommen ist.

Der Begriff „Klezmer
Georg Winkler

Das jiddische Wort „klezmer“ (Pl. klezmorim) stammt von den althebräischen Wörtern kle (klej, kl, kley, clei) und zemer (semer). Das erste Wort "kle" wurde schon im Alten Testament verwendet als hebräischer Ausdruck für Gefäß, Werkzeug, Instrument oder Musikinstrument. Das zweite Wort "zemer" heißt soviel wie Stimme, Lied oder Gesang, auch Musizieren, Singen. Klezmer bedeutet demnach soviel wie „Instrument des Gesangs“, „Träger oder Übermittler von Klang“, auch „Gefäß des Gesangs“. Damit ist ursprünglich das Instrument des Musikers gemeint, ab dem 16. Jahrhundert jedoch der Musiker selbst.[1]

Klezmer meint eine Einheit von Musiker, Instrument und Lied. Der Musiker selbst verschmilzt mit seinem Instrument zu einer Einheit, um über das Instrument seine „innere Stimme“ auszudrücken. Klezmermusik ist instrumentales Singen, ist orientiert am emotionalem Ausdruck der menschlichen Stimme. Es wird versucht, das Instrument als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel zu verwenden:

„Der Klezmer lacht, weint, seufzt, jammert, und sein Instrument ist dabei sein Medium.“ [2]

Klezmer ist eine Bezeichnung für professionelle oder semiprofessionelle jüdische Hochzeitsmusikanten, meist männliche Musiker, jedoch gibt es auch Nachweise für weibliche Klezmorim[3]. Berühmte Frauen in der Klezmerszene unseres Jahrhunderts waren z. B. Sylvia Schwartz, Beverly Musiker und Dora Cherniavsky, die alle mit dem Klavier Aufnahme in Klezmerensembles und in Orchestern des jiddischen Theaters fanden.


In der rabbinischen Literatur wurden Instrumente zur Gesangsbegleitung „kle semer“ genannt. Mit dem Wort „Kleismer“ wurden zuweilen auch heilige Instrumente bezeichnet.[4]

Seit Beginn des sogenannten „Klezmer-Revivals“ in den siebziger Jahren wird „Klezmer“ gewöhnlich auch als Bezeichnung für das von diesen Musikern gespielte Repertoire benutzt, sowie für das gesamte musikalische Genre. Diese Gattung resultiert heute aus der alten Volksmusik, die durch den Kontakt mit klassischer Musik, europäischem Theater, Salonmusik, amerikanischem Ragtime, Jazz und gerade populärer Musik in der sogenannten zweiten und dritten Generation von Klezmermusikern zu einem modernen Stil von Klezmermusik führte. Traditionalisten des Klezmer-Revivals suchen aber, wieder die Ursprünge dieser Musik aufzugreifen und den durch die Einflüsse dieses Jahrhunderts aufgeweichten Stil neu zu beleben. Sie wollen dies durch Erforschen der Wurzeln, Nachspielen alter Aufnahmen und Unterricht bei noch lebenden Musikern der ersten Generation erreichen.[5]

Giora Feidman definiert einen Klezmer folgendermaßen:

„Ein Klezmer ist ein Volksmusiker, der mit seinem Instrument sein Empfinden und Denken, seine Eindrücke und Bilder unmittelbar im Klang ausdrückt ... Diese besonders intensive Spielweise, dieser Wechsel getragener Klageweisen in Ausgelassenheit und Lebensfreude, das Instrument als menschliche Stimme ist Klezmer.“ [6]

Helmut Eisel über die Aufgabe des Klezmer:

„Die jüdische Mystik, die Kabbala, sagt: Ein Klezmer macht keine Musik, sondern er gibt Musik weiter. Er ist ein Gefäß (= Kli) des Liedes (= Zemer), ein Kanal zur Musik. Es ist seine Aufgabe, den Zuhörenden die Schönheit der Musik zu erschließen.“ [7]

Niki Graca denkt ähnlich in diese Richtung des Übermittlers der Musik:

„Der Klezmer ist also das Instrument zum Hervorbringen eines Liedes. Wichtig ist dabei nicht, welches Lied ausgedrückt wird, das Hauptaugenmerk liegt auf dem Wie. Es geht darum, daß der Musiker und Instrument eins sind, das Instrument ist die Stimme, die Gedanken, Empfindungen, Bilder zum Klingen bringt.“ [8]

In Osteuropa und in den Immigrantengemeinden Nordamerikas, Israels und anderen Zentren aschkenasisch-jüdischen Lebens bezieht sich der Begriff Klezmer vor allem auf den Berufsstand ritueller Musikanten, die – eingebunden in den Ablauf des religiösen Lebens – auf Hochzeiten und anderen Festlichkeiten aufspielten. Klezmermusik war ursprünglich funktionale, stark tanzorientierte Gebrauchsmusik, deren künstlerischer Aspekt zweitrangig war.

Streng definiert bezeichnete man ursprünglich als Klezmermusik die traditionelle, instrumentale Volksmusik der jiddischsprachigen Juden Osteuropas, die zu Hochzeiten, Festen und andere Veranstaltungen in der Familie oder Gemeinde aufgeführt wurde, stark beeinflußt von der jeweils regionalen Volksmusik und mit einem großen Anteil an Zigeunermusik. Das Gebiet, in dem sie beheimatet war, umfaßte große Teile des heutigen Polens, der Ukraine, Bjelorus, Weißrußland, Litauen, Lettland, Moldawien, Rumänien, Ungarn und der Slowakei.

„It’s the traditional instrumental music of the Jews of Eastern Europe. It’s not vocal music, so Yiddish folk songs and Yiddish theater music, while related idioms, are not klezmer. In America, in the resurgence of interest in this music, for some reason, everything has been hodge-podged together, but they are separate genres.“ [9]

Laut Andy Statman, einem orthodoxen Juden und Klezmerklarinettisten, ist die Bezeichnung Klezmermusik demnach nur auf die Instrumentalmusik anzuwenden. Im Klezmer-Revival werden aber auch jiddische Volks- und Theaterlieder in das Repertoire einbezogen.

Seit 1975 wird der Begriff „Klezmermusik“, vermittelt über Israel und die USA, global verwendet. Es ist schwer, eine klare, eindeutige Definition des Begriffs „Klezmer“ zu finden, da er im Laufe der Zeit immer wieder anders verwendet wurde. Es gibt auch eine starke Tendenz, jede jüdische Musik als „Klezmer“ zu bezeichnen, obwohl es nur ein kleiner Teil einer reichen Musikkultur ist.

Frank London, Trompeter der Gruppe Klezmatics, zum Begriff Klezmer mit einer nicht ganz ernst zu nehmenden Warnung:

„Klezmer has gone from an underused term to being overgeneralized ... musician’s warning: inclusion of an augmented second interval may lead to your music being labeled Klezmer.“ [10]

Frank London weiter zu diesem Thema mit einer sicherlich nicht unumstrittenen Definitionen von Klezmermusik:

„Music that functions as Klezmer is Klezmer. If an Eastern European Jewish community needs the Lambada at a wedding, then it’s Klezmer.“ [11]

Mark Slobins Meinung geht in die gleiche Richtung, jedoch drückt er dies differenzierter und nicht so überzeichnet aus:

„The authentic context is one of interaction, mixture, accommodation, adaptation – words like that come to mind first, since what did a Klezmer do? Play what people wanted to hear.“ [12]

Alicia Svigals, Geigerin der „Klezmatics“, versucht mit authentischem Hintergrund, diese Art der Musik nicht einzufrieren, sondern weiterzuentwickeln, wie es sich auch im Werdegang der Gruppe widerspiegelt:

„... klezmer is an idiom with its own stylistic unity and integrity. Like any musical language klezmer needs to be studied and absorbed so it can be spoken with a native accent ... Every musical idiom constantly changes and interacts with other musics, and the 1920s were no more ‚authentic’ a period than any other. My hope is that now that we’re becoming fluent in our own language, we can go beyond simply reciting a received text to speak spontaneously in our own voices.“ [13]

All diese verschiedenen Definitionen von Klezmer, die unterschiedlichen Ansichten, von Feidman bis Svigals, beinhalten nur einen kleinen Teil des Begriffes „Klezmer“. In seiner Gesamtheit ist er von vielen verschiedenen Seiten zu betrachten, um einen Überblick zu bekommen, was Klezmer wirklich bedeutet. Daher sind die in diesem Artikel gegebenen Begriffserklärungen und verschiedenen Meinungen nur als ein Teil einer Eingrenzung dieses Ausdrucks zu sehen.

Eingehender, unter Berücksichtigung der verschiedensten Aspekte und Herangehensweisen an das Thema, wurde Klezmermusik in meiner Dissertation behandelt


[1] vgl.: Walter Salmen: Jüdische Musikanten und Tänzer vom 13. bis 20. Jahrhundert. 1991, S. 15
[2] Monika Feil: Zol zain, freilekh. 1997, S. 6
[3] Abraham Zvi Idelsohn: Jewish Music in Its Historical Development. Schocken, New York, 1967, S. 54
[4] vgl.: Walter Salmen: Jüdische Musikanten und Tänzer vom 13. bis 20. Jahrhundert. 1991, S. 15
[5] siehe Kap. 5.3 Die dritte Generation: Klezmer-Revival meiner Dissertation
[6] Giora Feidman: Viva el Klezmer. CD-Booklet, 1991
[7] Helmut Eisel: Passions For Klezmer. CD-Booklet, 1998
[8] Niki Graca: Yiddish Soul Klezmer. CD-Booklet, 1993
[9] Andy Statman im Interview mit Michal Shapiro, in: A Marriage of Heaven & Earth. CD-Booklet, 1996, S. 32
[10] Frank London: An Insider’s View: How we traveled from Obscurity to the Klezmer Establishment in Twenty Years, in: Judaism 47/1, 1998, S. 41-42
[11] ebd. S. 42
[12] Mark Slobin: Scanning a Subculture: Introduction to Klezmerology, in: Judaism 47/1, 1998, S. 4
[13] Alicia Svigals: Why Do We Do This Anyway: Klezmer as Jewish Life and Thought, in: Judaism 47/1, 1998, S. 47

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